Tagesarchiv: 27. Juli 2010

Es macht mich traurig – Nachtrag zur Loveparade 2010

Ich habe mich dazu hinreißen lassen, nochmal zu den Ereignissen auf der Loveparade Stellung zu nehmen und ein Interview (stark gekürzte Version) zu geben. Ich bitte aber darum von weiteren Anfragen abzusehen, da mich die Ereignisse ziemlich mitnehmen. Besonders die Boulevard-Medien brauchen sich nicht um mich bemühen. Vielleicht sieht das in ein paar Tagen anders aus, wenn ich das Ganze ein wenig besser verdaut habe, aber im Moment habe ich erstmal keinen Bedarf mehr daran die gleiche Geschichte noch x-mal zu erzählen, mich schwierigen Fragen zu stellen, die ich auch nicht sicher beantworten kann und mich jedes Mal auf’s Neue damit zu belasten.

UPDATE 31. Juli:
„Das Leben geht weiter! – Abschließende Gedanken zur Loveparade“

Hier der ungekürzte Text des Interviews, der sich natürlich inhaltlich an vielen Stellen mit meinem Gedächtnisprotokoll überschneidet, aber auch einige zusätzliche Informationen und meine persönlichen Einschätzungen enthält:

Ist es richtig, dass die, die gerade mal eine Stunde nach Beginn der Loveparade in Duisburg ankamen, schon nicht mehr sicher auf das eigentliche Gelände durchkamen?

So genau kann ich das natürlich nicht sagen, aber ich habe Berichte von Leuten gelesen, die schon um 11h in Duisburg am Hauptbahnhof ankamen und die auch in den „Hexenkessel“ kamen, da sie anfangs ein wenig getrödelt haben und später stundenlang vor der ersten Vereinzelungsanlage (Ecke Karl-Lehr-Str/Grabenstr.) standen, so dass sie auch erst gegen 16h in den Tunnel kamen, wo sie dann nochmal eine Stunde im übelsten Gedränge warten mussten, bis sie das Festivalgelände erreichten.

Ich muss die Frage also bejahen. Aber es hing natürlich stark von der jeweiligen Gruppe und ihrem Tempo ab. Wir sind jedenfalls erst gegen 14:30h in Duisburg angekommen und hatten trotzdem „schon“ um 17h den total überfüllten Platz zwischen den Tunneln vor dem Eingang erreicht. Ich schätze es lag daran, dass wir relativ zielstrebig und zugig gegangen sind und die Lücken im Gedränge gut ausgenutzt haben um schneller voran zu kommen (jedoch ohne aggressives Drängeln, wie andere es taten).

Wie hast Du selber die Situation erlebt, war Dir bewusst, welche Gefahr drohte, und wie hast du die Situation in dem Tunnel erlebt?

Mein Erlebnisbericht schildert das eigentlich schon recht ausführlich…

Als wir um etwa 16:30h in den Tunnel gingen war die Situation noch (bzw. wieder) recht entspannt, da es auf einmal viel Platz gab, nachdem wir vorher sehr lange, eng an eng am ersten Kontrollpunkt warten mussten. Die Stimmung war anfangs, am Eingang des Tunnels, noch sehr ausgelassen und man sah (und hörte!) wie sich die Menschen darauf freuten gleich ordentlich Party zu machen. Auch ich dachte, wir wären schon so gut wie drin und stimmte ins fröhliche Pfeifkonzert mit ein.

Erst ab der Mitte des, mit etwa 300m beängstigend langen, Tunnels wurde es voller und die ersten Menschen kamen uns schon wieder entgegen. Einige Fragten die Entgegenkommenden Leute wie die Party sei und warum sie schon gingen, worauf immer die Antwort kam, dass man „da vorne“ nicht durch komme, weil es dort zu voll sei. Wir ließen uns davon aber nicht beirren und ich dachte, dass das einfach nicht sein kann. Sinngemäß meinte einer meiner Begleiter „Hey, das ist die Loveparade! Die wissen doch, wie viele hier kommen.. Wir werden da locker reinkommen.“ und alle stimmten dem zu. Verständlicherweise dachte niemand an eine Umkehr – man ist ja nicht den ganzen Weg gefahren, um dann so kurz vor dem Ziel (zu dem Zeitpunkt noch ohne ersichtlichen Grund) aufzugeben, noch bevor’s richtig los ging.

Also gingen wir weiter. Und dann war es auch bald drauf schon zu spät zum Umdrehen, da von hinten immer mehr Menschen nach kamen. Zum Ende des Tunnels hin, wurde es dann erst so richtig eng und heiß. Kurz vor dem Tunnelausgang sahen wir dann, wie viele Leute einen Container hoch kletterten und wie andere, von Polizisten voran gestoßen, eine Treppe hoch stiegen. Wir fragten uns was los war und warum die die Leute nicht schneller eingelassen wurden. Genau das was ich eben beschrieben habe, hat ein Freund mit seiner Kamera festgehalten. Da war es genau 16:52h, also etwa 20 Minuten bevor sich die dramatischen Szenen ereigneten:

Kurz darauf baute sich ein ungeheurer Druck auf, der von allen Seiten zu kommen schien. Das jagte einem schon Angst ein, da man in der Masse absolut machtlos war sich aus dieser Situation schnell zu befreien. Richtig böse wurde es dann, als die Masse anfing sich in Wogen zu bewegen, wobei der Druck nochmal stärker wurde. Immerhin konnte man mit Mini-Schritten ein klitzeklein wenig seine Bewegungsrichtung steuern, so dass ich mich in Richtung Container schob, da ich das für den einzigen sinnvollen Ausweg hielt. Zu spät bemerkte ich dann, dass der Rest der Gruppe von mir weg getrieben war und sich zum „normalen“ Eingang hin bewegte.

Um es abzukürzen: Ich bin dann irgendwann am Container angelangt, habe dort erstmal einigen Leuten hoch geholfen und mit dafür gesorgt, dass zwei bewusstlos gewordene Mädchen hoch gereicht wurden. Dann bin ich den Container hoch geklettert, habe auch von oben einigen hoch geholfen, Leute festgehalten, die andere hoch zogen und habe einigen, die mit mir dort oben standen die letzten Hürde erleichtert, indem ich sie hoch drückte, eine Bewusstlose mit hoch hiefte oder per Räuberleiter Hilfestellung gab, bis ich mich dann selbst irgendwann an einem Kabel die Wand hoch zog und oben von einem Polizisten in Empfang genommen wurde.

Das war schon alles sehr beängstigend. Besonders unten, im „Hexenkessel“ zwischen den Tunneln und dem eigentlichen Eingang zum Gelände, war es echt bedrohlich eng und die Stimmung war sehr angespannt. Ich konnte mich aber zwingen ruhig zu bleiben, um klar denken zu können und nicht in die Hysterie zu verfallen, denen einige der Leute um mich herum schon erlegen waren.

Wie ist es Deiner Meinung nach zu den Toten gekommen; hast Du irgendetwas davon gesehen, dass Besucher eigenverantwortlich geklettert und dann abgestürzt sind?

Mit eigenen Augen habe ich niemanden Abstürzen sehen und musste glücklicherweise auch nicht miterleben, wie jemand zu Tode kam. Ich war zum Ende hin irgendwie nur noch auf meine nähere Umgebung und den Container fixiert, so dass ich mich kaum umgeschaut habe. Das hat auch schon gereicht, denn ich war irgendwann umgeben, von keuchenden, weinenden, bewusstlosen und kurz vor dem Kollaps stehenden Personen, die meine Aufmerksamkeit komplett in Anspruch nahmen. Ich habe erst von Toten erfahren, als ich schon im Loveparade-Gelände, auf der Suche nach meiner Truppe, war.

Ich bin mir inzwischen sicher, dass die meisten Menschen an der Treppe um’s Leben kamen, nachdem sie geöffnet wurde und viele dorthin strömten. Dort waren ja auch die meisten Todesopfer zu beklagen. Die Öffnung dieser Treppe war meiner Meinung nach einer der großen Fehler, die seitens der Organisation bzw. der Polizei begangen wurden, denn dort sah die Masse, dass es weiter geht und viele wollten dort hin.

Die Videos auf YouTube zeigen, dass sich vor dieser Treppe die dramatischsten Szenen abspielten, man sieht unter anderem auch, wie sich einige rücksichtslose und/oder von Panik getriebene Personen über die anderen erhoben und ohne Rücksicht auf Verluste teilweise auf den Köpfen und Schultern der unten stehenden gingen, um sich zur rettenden Treppe durch zu kämpfen. Vor der Treppe hatte sich nämlich sich eine große Traube gebildet, in der die Leute oftmals übereinander lagen, wie man in dieser Fotodokumentation gut sehen kann. (Von den teilweise total überzogenen Kommentaren des Uploaders, möchte ich mich jedoch ausdrücklich distanzieren.)

Ich hoffe, dass es aufgrund der schrecklichen Bilder nicht schon wieder gelöscht wurde. Man kann erkennen, das viele der vor der Treppe eingezwängten Menschen, nach hinten umgefallen sind, da der vom Treppen-Tumult, ausgehende und deshalb auch von oben kommende Druck wohl zu groß gewesen sein muss. Die Menschen sind also einfach nach hinten umgekippt und waren danach, so unglaublich es klingt, in mehreren Lagen gestapelt. Wer da unten lag musste schon sehr viel Glück gehabt haben, um das heil zu überstehen (so wie Julia). Selbst als sich die Menschenmassen um die Treppe herum etwas gelichtet hatten, dauerte es wohl noch etliche Minuten, bis die verkeilte Menschentraube gelöst werden konnte, was dann erst das wahre Ausmaß der Tragödie offenbarte, also unzählige Bewusstlose bzw. Tote (was auf den Fotos & Videos schwer zu unterscheiden ist).

Dieses Video hat mich richtig geschockt. Erst nachdem ich das gesehen hatte, konnte ich wirklich realisieren, was da überhaupt in Wahrheit passiert war. Es ist eine riesen Unverschämtheit so zu tun, als wäre die „dumme Masse“ selbst schuld an diesem Drama. Meiner Meinung nach hätte die Treppe niemals freigegeben werden dürfen und man hätte den Haupteingang komplett öffnen müssen.

Es hätte nicht nur einen Weg auf’s Gelände geben dürfen, sondern es wären mehrere gut voneinander getrennte Ein- und Ausgänge nötig gewesen. Ein Nadelöhr, wie einen 300 Meter langen Tunnel, zugleich als Ein- & Ausgang zu nutzen, finde ich ziemlich fahrlässig. Im Tunnel und im Hexenkessel hätten viel mehr Polizisten und Ordner den Strom in die Richtigen Bahnen lenken müssen und die wenigen vor befindlichen Einsatzkräfte hätten sofort dafür sorgen müssen, dass sich die Situation vor der Treppe wieder entspannt.

Stattdessen hat man offenbar lieber den Eingang versperrt, Zäune bewacht und so für noch mehr Gedränge und Panik gesorgt. Es gab am Ende des Tunnels kein Hinweisschild, damit man weiß, dass man nicht mehr geradeaus gehen muss – das war nämlich gar nicht so klar, wie man vielleicht denken könnte, so dass die sich entgegenkommenden Ströme trafen. Wenn man schon so dumm ist zwei entgegengesetzte Menschenströme aufeinander prallen zu lassen, muss man schon einen klaren Ausweg weisen. Das war nicht der Fall, so dass es sich am Tunnelausgang extrem staute, was meiner Einschätzung nach im Endeffekt zu dieser enormen Überfüllung und im Endeffekt zu den panischen Reaktionen der Eingeklemmten führte.

Wenn alle gewusst hätten wohin sie sich wenden müssen und es zügiger vorwärts gegangen wäre, hätten die Menschen wohl erst gar nicht verzweifelt nach irgendwelchen Auswegen gesucht – ich wohl auch nicht. Beruhigende oder wegweisende Lautsprecherdurchsagen hätten bestimmt ebenfalls Wunder wirken können, denke ich.

Das war alles so vermeidbar! Für mich tragen sowohl die fahrlässige Stadt Duisburg, der profitgierige Veranstalter, als auch die unfähige Polizei gleichermaßen die Schuld an dem was da passiert ist.

In mir kocht die Wut! Es macht mich sehr traurig, dass es soweit kommen musste. Ich fühle mit den Angehörigen der Todesopfer. Immer wieder frage ich mich, was passiert wäre, wenn wir ein wenig näher an der Treppe gestanden hätten. Ich bin froh, dass ich dieses Horrorszenario nicht live miterleben musste oder da rein geraten bin, sondern erst nachher davon erfuhr. Da ich nicht die Treppe, sondern den Container gewählt hatte und rechtzeitig in Sicherheit war, blieb mir das schrecklichste glücklicherweise erspart. Ich kann dieses Glück kaum fassen und es belastet mich, dass wir so nah da dran waren wo Menschen starben, die genau wie wir einfach nur zu guter Musik feiern wollten und zur falschen Zeit am falschen Ort waren.

Es wird behauptet, der Polizei sei die Situation „egal“ gewesen, und sie hätten nicht bzw. nicht richtig reagiert – was war Dein Eindruck von Polizei und Rettungskräften?

„Egal“ halte ich für eine etwas übertriebene Formulierung. Ich hatte den Eindruck die viel zu wenigen Polizisten hatten selbst Angst vor der riesigen, unkontrollierbaren Menschenmenge im Hexenkessel und waren schlicht überfordert. Ich persönlich habe eine positive Erfahrung gemacht, da mir Polizisten geholfen haben den Container zu erklimmen und auf das Festivalgelände zu kommen. Ich weiß aber, dass nicht alle Polizisten spontan so tatkräftig mit geholfen haben, wie das bei mir der Fall war.

Es waren einfach zu wenige Polizisten vor Ort und die wenigen, die da waren haben sich wohl auf die falschen Dinge konzentriert, statt dort zu helfen wo es wirklich um Menschenleben ging. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Polizei ein großes Kommunikationsproblem hatte, denn anders bleibt für mich die unterlassene Hilfeleistung am Fuße der Treppe unerklärlich. Ein Funkspruch und rechtzeitiges, entschlossenes Handeln einiger Hundertschaften, hätte diese ganze Massenpanik verhindern können, glaube ich.

Hattest Du, nachdem Du dem Tunnel sicher nach oben entkommen warst, schon den Eindruck, dass es Tote geben könnte?

Nein, das ist mir wirklich nicht in den Sinn gekommen. Bei mir war die Enge zwar sehr bedrohlich, aber so weit habe ich in dem Moment noch nicht gedacht. Ich glaube ich stand selbst erstmal eine Zeit lang unter Schock. Ich war einfach nur froh das überstanden zu haben und endlich zum ersten (und letzten) Mal auf der Loveparade zu sein.