Tagesarchiv: 31. Juli 2010

„Das Leben geht weiter!“ – Abschließende Gedanken zur Loveparade 2010

Ich habe das Bedürfnis nochmal ein paar Zeilen zu schreiben.
Aber was soll und will ich überhaupt sagen? Ich weiß es nicht…

Also einfach mal drauf los geschrieben:

Eine Woche ist es jetzt her… Ich bin dem verhängnisvollen Hexenkessel nur knapp entronnen, während gerade mal einige Meter von mir entfernt, andere Menschen erdrückt wurden oder schwere körperliche Verletzungen davon getragen haben.

Doch psychische Verletzungen hat wohl nun jeder, der ein wenig Mitgefühl hat. Erst Recht wer die Loveparade besucht hat, sie besuchen wollte oder Freunde hatte, die dort waren und besonders diejenigen, die sogar hautnah dabei waren als die tragischen Szenen sich ereigneten und dann auch noch mit ansehen mussten, wie Menschen um ihr Leben rangen und es dann doch verloren.

Ich hatte Glück… Wirklich freuen kann ich mich aber nicht. Ich musste nicht erleben, wie jemand neben mir erstickt ist, war zufälligerweise zur richtigen Zeit am falschen Ort, wählte glücklicherweise den richtigen Fluchtweg, kam zwar arg ins Schwitzen und hatte Angst, wurde aber nicht panisch. Erst im Nachhinein wurde mir bewusst, wie gefährlich die ganze Situation war und wie knapp ich dem Tod entronnen bin. Ohne es jetzt überdramatisieren zu wollen – Wäre ich ein paar Minuten früher dort gewesen und hätte ich den Weg über die Treppe genommen… Möglicherweise wäre ich jetzt auch tot oder extrem traumatisiert, wenn ich es überlebt hätte. Achja… „Hätte, hätte, Fahrradkette“.

Aber was rede ich nur von mir? Es gilt den Opfern zu gedenken und mit den Angehörigen zu trauern. Es soll sich jetzt nicht allzu hart und gefühlskalt anhören; aber das habe ich jetzt ausreichend getan, finde ich… Auch wenn ich sonst kein besonderer Freund von Egoismus und alles andere als gefühlskalt bin: Man muss jetzt auch mal wieder an sich denken.

Das Leben wird weitergehen und ich will, dass es weitergeht. Immer wieder habe ich mir im Laufe der Woche die Frage gestellt, ob ich jetzt noch so fröhlich sein kann, wie ich vorher war und ob ich es überhaupt sein darf. Das hat mich alles schon sehr deprimiert und ich hielt es für unangemessen einfach so weiter zu machen, wie vorher…

Schwarze Tage waren das.

Doch so Leid es mir tut, für alle die nicht soviel Glück hatten:
Ich möchte glücklich sein und nicht in Depressionen verfallen.

Trauer & Mitgefühl sind gut und wichtig, aber man muss rechtzeitig wieder den Absprung schaffen – hinein ins Leben. Natürlich gehört zum Verarbeitungsprozess, dass man sich mit dem Geschehenen auseinandersetzt, statt es einfach zu verdrängen und sofort wieder zum Alltag zurück zu kehren.

Andererseits sollte man es damit aber auch nicht übertrieben und es muss irgendwann mal wieder gut sein. Damit meine ich jetzt nicht, das Thema komplett auszublenden – dann wären wir wieder beim Verdrängen – sondern eine maßvolle Beschäftigung damit, ohne sich zu überlasten.

Klar könnte man sich 24/7 mit der Loveparade beschäftigen (diese Phase habe ich inzwischen hinter mir, denke ich…), unzählige Artikel dazu lesen, Fotos & Videos ansehen, eigene Texte verfassen, sich an den Schuldzuweisungen beteiligen und versuchen die Geschehnisse zu rekonstruieren, um das ganze zu begreifen oder sogar zu verstehen…

Auch ich möchte eine lückenlose Aufklärung der Vorfälle, sowie eine angemessene Bestrafung der Verantwortlichen und nicht, dass das Ganze jetzt unter den Teppich gekehrt wird.

Aber bei andauernder Auseinandersetzung damit, dreht man sich irgendwann im Kreis. Im schlechtesten Fall merkt man es nicht einmal, weil man sich schon viel zu sehr in die ganze Thematik hinein gesteigert hat.

Mein Wille, meine meist lebensfrohe Persönlichkeit und nicht zuletzt mein Umfeld hat mich jedoch davor bewahrt in ein allzu tiefes Loch zu fallen. Ich kann gar nicht mehr sagen, mit wie vielen Leuten ich inzwischen gute Gespräche über die Loveparade, mein Glück und die Hintergründe der Tragödie hatte – aber ich weiß, dass jedes Einzelne mir geholfen hat, besser damit klar zu kommen.

Anfangs war es mir zwar oft zu viel, ich war total erschlagen von der mir plötzlich zuteil gewordenen Aufmerksamkeit, genervt von immer den gleichen Fragen und den teilweise sehr ähnlich verlaufenden Konversationen, doch immer wieder wurden mir dadurch neue Dinge bewusst, an die ich vorher so noch nicht gedacht hatte. Es tut einfach gut wenn man merkt, dass man seinem Umfeld etwas bedeutet – alleine das hilft schon enorm.

Den Kopf in den Sand stecken und sich tot stellen, so wie ich es in den ersten Tagen danach am liebsten gemacht hätte, bringt einen nicht weiter. Man muss raus: Raus mit der Sprache, raus an die frische Luft und vor allem unter Leute kommen!

Auch wenn es anstrengend ist: Reden ist die beste Medizin. Nicht umsonst gibt es professionelle „Rede-Mediziner“ und man sollte ihre Hilfe in Anspruch nehmen! Schaden kann es jedenfalls nicht… Diese Menschen wissen genau was sie machen und wie sie einem helfen können, während Freunde dies meist nur intuitiv tun können.

Vielleicht interessiert es euch etwas mehr, als mein altkluges Gefasel:
Mir geht es soweit ganz gut. Klar denke ich immer wieder daran zurück, aber ich glaube ich habe das gröbste überstanden und kann nun langsam wieder zur Normalität zurückkehren. Ich versuche positiv zu denken und mir hilft es sehr, dass ich in den besagten Minuten, einigen anderen geholfen habe, worauf ich, angesichts der brutalen Szenen an der Treppe gegenüber, auch ein wenig stolz bin, denn ohne das soziale Verhalten unter den Leuten am und auf dem Container, wäre es wohl auch dort zu Toten und Verletzen gekommen.

Zwischendurch bin ich natürlich auch immer wieder ziemlich traurig und muss daran denken, wie viele so unnötig, so nah an mir dran, ihr Leben lassen mussten, wie qualvoll sie starben und wie schlimm das für alle sein muss, die sie kannten oder das miterlebten. Diese Gedanken kann man nicht einfach so weg schieben und man sollte seinen Gefühlen dann ruhig freien Lauf lassen (auch als Mann und auch in der Öffentlichkeit) – das wirkt wahre Wunder, denn nach solch einem Gefühlsausbruch geht es einem meist besser.

Ich werde mir die Lebensfreude jedenfalls so schnell nicht nehmen lassen und gleich mit Freunden auf eine Techno&Drum’n’Bass-Party gehen! Wünscht mir Spaß, oder findet es unangebracht ausgerechnet heute feiern zu gehen – ich könnte das nachvollziehen. Für mich ist es jedenfalls das Richtige und es fühlt sich nicht falsch an.

Es tat sehr gut noch mal ein paar Zeilen dazu zu schreiben. Ich hoffe euch nicht zu sehr damit gelangweilt zu haben…

🙂

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