Schlagwort-Archive: polizei

Meine erste Internierung

Wie bei meiner ersten Schießerei und meinen Erlebnissen auf der Loveparade 2010, möchte ich hier mal wieder ein wenig Traumabewältigung betreiben und euch von meiner ersten Ingewahrsamnahme berichten.

[TL;DR] Was kann passieren, wenn man an Karneval in Köln mit Guy-Fawkes-Maske verkleidet auf der Straße tanzt?
→ Von Polizisten zu Boden geworfen, geschlagen, beschimpft, gewürgt, interniert und gedemütigt zu werden.

Was war da los?

In der Nacht von Karnevalsfreitag (8. auf 9.2.2013) war ich mit ein paar Leuten in Köln feiern. Irgendwann habe ich sie im Suff und im Getümmel auf der Zülpicher Straße verloren, was sich aber rasch durch neue Bekanntschaften kompensieren ließ. Die „Zülpicher“ ist an Karneval eine der Hauptanlaufstellen für Feierwütige und war auch an diesem Abend sehr belebt. Die Straße war voller Karnevalisten, während überall aus den Fenstern, Kiosken und Kneipen Musik drang.

Komischerweise war die Straße nicht für den Verkehr gesperrt (wie sonst an Karneval üblich) und die Autos durchquerten die ausgelassen auf der Fahrbahn feiernde Menschenmenge im Schritttempo. Ich befand mich an der Kreuzung Zülpicherstr/Roonstraße als mich ein Taxi anhupte, weil ich es nicht bemerkt hatte. Statt es direkt vorbei zu lassen, wendete ich mich dem Fahrzeug zu, zog mir meine Guy-Fawkes-Maske über den Kopf (die ich zuvor hochgeklappt getragen hatte) und tanzte davor. Ich hätte das Auto natürlich innerhalb der nächsten paar Sekunden passieren lassen, gönnte mir aber die halbe Minute Schabernack, besoffen wie ich war.. Es war ja Karneval, da sieht man in Köln ähnliche Szenen an jeder Ecke.

Ich konnte ja nicht ahnen, was das für Konsequenzen nach sich zieht:

Meine spontane, nicht wirklich böswillige Verkehrsblockade währte keine halbe Minute, als mich von links ein harter Schlag ins Gesicht traf und ich sogleich von mehreren Personen rabiat zu Boden gerissen wurde. Ich wusste nicht wie mir geschah und erst Recht nicht wer mich da so rüde attackierte. Schon saßen mehrere Personen auf mir drauf, man riss mir die Maske vom Kopf und mein Gesicht wurde auf den Asphalt gedrückt, so dass ich gar nicht erkennen konnte, dass es hier die harte Hand der Staatsgewalt auf mich abgesehen hatte. Reflexartig stemmte ich mich mit aller Kraft gegen die Angreifer, windete mich und schrie um Hilfe. In dem Moment fühlte sich das Ganze eher an wie ein Überfall von irgendwelchen Nazis oder Hooligans – womit ich wohl gar nicht mal so falsch lag..

Ich dachte mir, ich muss in einem schlechten Film gelandet sein.

Als mir dann Hände und Füße mit Kabelbindern gefesselt wurden, erfasste ich erstmals, dass es sich um meinen „Freund und Helfer“ handelt, der hier mit vollkommen unangemessener Gewalt auf eine kleine Verkehrsbehinderung reagierte. Ich wurde extrem wütend und beschwerte mich lautstark über die unerhörte Behandlung, woraufhin die ein oder andere Faust in meinem Gesicht landete und mir der Mund zugehalten wurde. Nicht wie ihr euch das vielleicht vorstellt, sondern ein Beamter nahm einfach meinen Unterkiefer und hielt so mein loses Mundwerk fest. Alsbald wurde ich wie ein Stück Vieh über den Boden geschleift und zum bereitstehenden Polizeibus geschleppt. Soweit das Vorspiel.

Im Bus wurde es dann erst so richtig kuschelig:

Ich wurde hinten rechts in den Transporter geworfen, der Polizist links von mir stemmte sich mit seinem ganzen Gewicht gegen mich, wobei er mich am Hals mit seinem rechten Unterarm würgte und der Unmensch vor mir hielt mir den Mund – bzw. eher das komplette Gesicht – zu. Schon alleine durch das heftige Würgen am Hals konnte ich kaum atmen, aber durch die Hand, die ebenfalls mit aller Kraft in mein Gesicht gedrückt wurde, blieb mir die Luft vollends weg. Ich wurde panisch und kämpfte erbittert weiter, bis ich schließlich wieder etwas Luft bekam. Als die Hand irgendwann aus meinem Gesicht genommen wurde, der „Kollege“ links neben mir mich aber weithin am Hals würgte, japste ich, dass er es jetzt mal gut sein lassen könne, worauf er erwiderte, dass er das nur machen würde, wenn ich mich beruhigte.

Aber wie sollte ich mich bitte beruhigen?

Schon beim Einladen flogen mir, neben Fäusten, wüste und rassistische Beleidigungen um die Ohren, wie „Du dreckiges Stück Scheiße!“ oder „Mit euch Niggern ist es immer das Gleiche!“ [letzteres wohlgemerkt von einem eher südländisch aussehenden Polizisten! – Ich bin übrigens „farbig“..] und obendrauf noch Einschüchterungen à la „Pass auf du Idiot, wir können mit dir machen was wir wollen, wenn du nicht spurst!“. Des Weiteren war mein „Vergehen“ auch noch eine Lappalie, die es überhaupt nicht rechtfertigte so hart angegangen zu werden. Der Anführer der 6-köpfigen, staatlich geförderten Schlägerbande wollte mir natürlich auch nicht seinen Namen nennen und meinte das könnte ich dann später im anhängigen Verfahren wegen „Widerstand gegen die Staatsgewalt“ von meinem Anwalt in Erfahrung bringen lassen – wohl in der Hoffnung, dass ich die Einzelheiten der Vorgehensweise seiner Truppe suffbedingt wieder vergessen würde.

Und die Demütigungen gingen weiter:

In der Hauptwache in Köln-Deutz angekommen, wurde ich von den Kabelbindern befreit, die so fest angezogen waren, dass sie sich zwischenzeitlich an meinen Handgelenken ins Fleisch geschnitten hatten. Doch die Erleichterung darüber wich schnell der Ernüchterung über das, was dann folgte:

Ich wurde in eine Zelle verfrachtet und musste mich vor einem halben Dutzend geiernden Polizisten nackt ausziehen, was ich unter Protest dann doch lieber selbstständig machte. Währenddessen wurden unglaublich dämliche, rassistische Witze über mein Geschlechtsorgan und meinen herausstehenden Bauchnabel gerissen, die ich hier nicht wiedergeben möchte. Auch in den Anus wurde mir geleuchtet und irgendwann durfte ich mich wieder anziehen.

Nach diesem erniedrigen Prozedere war ich rasend vor Zorn und mir wurde eine Fußfessel angelegt, die meinen Bewegungsradius in der Zelle so weit einschränkte, dass ich noch nicht einmal das Plumsklo in der Ecke erreichen konnte. Ich forderte sofort telefonieren zu dürfen, was mir verweigert wurde und antwortete daraufhin nicht mehr auf Fragen der Beamten. Da ich (bewusst) kein Portemonnaie und dementsprechend auch keinen Ausweis bei mir trug, konnten meine Personalien nicht festgestellt werden. Ich meinte, dass ich erst wieder etwas sage, wenn ich (u.a. mit einem Anwalt) telefonieren darf oder mir ein Rechtsbeistand gestellt wird. Daraufhin wurde mir mit einer Rektaluntersuchung gedroht, falls ich weiter „Faxen“ machen würde. Also gab ich der Nötigung nach und nannte meinen Namen und Wohnsitz. Die Polizisten waren für’s erste zufrieden, denn sie hatten ja nun was sie wollten. Die Beamten gingen raus und die Zellentür wurde verschlossen.

Da saß ich nun. Eingekerkert und behandelt wie ein Staatsfeind.

War es meine Hautfarbe? Die Guy-Fawkes-Maske? Habe ich wirklich so etwas schlimmes gemacht? Oder haben die Polizisten nur auf irgendeinen Besoffski gewartet, der den Verkehr behindert und vorher abgesprochen „Den nächsten schnappen wir uns!“? In was für einem Land leben wir eigentlich, in dem man von der Staatsgewalt so sehr mit Füßen getreten wird? Wo ist denn dieser Rechtsstaat, von dem man immer so viel hört?

WHAT THE FUCK..!?

Tausend Gedanken schossen mir durch den Kopf. Ich war total geplättet.. Schnell überkam mich wieder der Zorn. Ich schrie die Wut aus mir heraus. Und als das nicht half, nahm ich mir die (dünne) Matratze, stellte sie an die Wand und schlug auf sie ein. Doch Big Brother war das nicht entgangen und schon bald schallte eine schrille Frauenstimme durch meine Zelle, man könne mich auch komplett fixieren, wenn ich ich nicht auf der Stelle Ruhe gebe. Darauf hatte ich natürlich keine Lust, also folgte ich der Anweisung, legte das plastikumhüllte Stück Schaumstoff zurück an seinen Platz und mich drauf. Beim Blick nach oben fiel mir die Kamera an der Decke auf. Eine dunkle Halbkugel, mit einem blinkenden roten Licht – die Aufnahme lief also. Einmal mehr hatte ich das Gefühl in einem schlechten Film gelandet zu sein.

Ich versuchte mich zu beruhigen und rekapitulierte die Geschehnisse, die mich in diese Lage gebracht hatten: Ich habe auf der Straße getanzt und dadurch kurzfristig den Verkehr beeinträchtigt, dann wurde ich zu Boden geworfen, geschlagen, gefesselt, rassistisch beleidigt, verletzt, gewürgt, gedemütigt und in eine videoüberwachte Zelle geworfen. Doch das war kein Film, kein Alptraum, das war Realität. Kann man sich nicht ausdenken!

Ich musste irgendwann pissen. Doch wie bereits erwähnt, reichte mein Aktionsradius nicht bis zur Toilette, da ich ja am rechten Fuß fixiert war und so nur einen halben Schritt weit kam. Auch die Sprechanlage lag dadurch für mich in unerreichbarer Ferne. Ich konnte mich nur durch lautes Rufen bemerkbar machen, worauf natürlich nicht reagiert wurde. Also blieb mir nichts anderes übrig, als ungefähr in Richtung des Stehklos zu pinkeln. Gut, dass ich nicht kacken musste. Menschenunwürdig sowas!

Nach etwa einer halben Stunde in der Zelle bekam ich Besuch von einem Arzt, um mir Blut abzunehmen, was ich dummerweise zuließ, da ich natürlich keine Rechtsbelehrung bekam. Die dabei stehenden Polizisten waren auf einmal fast schon nett in der Zeit als der Arzt da war und beantworteten bereitwillig meine Fragen. Zum Beispiel wollte ich wissen wie lange ich noch in Gewahrsam bleiben muss und was überhaupt genau der Grund meines Aufenthalts sein soll. Ich musste bis zum nächsten Mittag zur Ausnüchterung bleiben und mir wurde „Widerstand gegen die Staatsgewalt“ vorgeworfen. Eine Frechheit, angesichts der Tatsachen!

Klar, ich war ziemlich betrunken (1,58 Promille wie sich nachher rausstellte) und hatte gegen den körperlichen Angriff der Polizei aus Reflex Widerstand geleistet, aber das war alles sowas von überzogen! Hallo?! Ich habe an Karneval(!) in Köln(!) auf der Straße getanzt und dabei ein mit Schrittgeschwindigkeit fahrendes Auto blockiert – mehr nicht! Oder doch? Vielleicht war es ja doch vor allem meine Maskierung, welche die Beamten zum harten Durchgreifen veranlasste. Ich weiß es nicht.. Ist aber auch egal.

Ich habe viel zu lange geschwiegen!

Zwischendurch hatte sogar gehofft ich könnte die Sache einfach verdrängen, weil in der Angelegenheit erstmal lange nichts kam. Doch jetzt habe ich einen Strafbefehl über 30 Tagessätze à 10€ (300€) erhalten. Leider war ich so dumm den (mir Furcht einflößenden) gelben Brief erstmal zwei Wochen ungeöffnet liegen zu lassen, habe mich jetzt erst dazu durchgerungen ihn zu öffnen und nun ist die Einspruchsfrist verstrichen. Aber einen Anwalt hätte ich mir eh nicht leisten können und eine Einstellung des Verfahrens ist bei Angelegenheiten wo der Staat bzw. eines seiner Organe dem Bürger gegenüber als Kläger auftritt, systembedingt leider sehr unwahrscheinlich – ehrlich gesagt fast schon aussichtslos.

Schon x-mal habe ich mir vorgenommen diesen Blogpost hier zu schreiben, um wenigstens die Öffentlichkeit über das zu informieren, was mir da Karnevalsfreitag widerfahren ist. Aber im Vergleich mit dem, was andere Menschen an Polizeigewalt und -willkür erleben mussten und täglich erdulden müssen, ist meine Geschichte fast schon harmlos. Ich hatte das Gefühl ich jammere auf hohem Niveau, wenn ich mir andere Stories so ansehe.. Aber ich sollte was mir passiert ist nicht mit Vorkommnissen wie z.B. im Zusammenhang mit den RefugeeCamps vergleichen.

Auch wenn es bei mir in kleinerem Maßstab war:
WIR DÜRFEN SO EIN VERHALTEN NICHT TOLERIEREN!

Mit dem Antidiskriminierungsbüro Köln hatte ich aus diesem Grund auch schon mal Kontakt aufgenommen, wo man mir bei einer Dienstaufsichtsbeschwerde helfen wollte. Doch dazu sollte ich aber erstmal ein Gedächtnisprotokoll des Vorfalls anfertigen, was ich heute erst mache. Ich schiebe leider viel zu häufig, viel zu wichtige Dinge, viel zu lange vor mir her, bis die Konsequenzen nur noch schwer abzuändern sind..

Ich sinne zwar nicht auf Rache, aber dennoch möchte ich der (Kölner) Polizei diese Menschenverachtung nicht einfach so durchgehen lassen! Am liebsten würde ich – trotz Aussichtslosigkeit – gegen die Beteiligten Polizeibeamten Strafanzeige erstatten und den Fall bewusst „an die große Glocke“ hängen. Nicht um mich persönlich in den Vordergrund zu stellen, sondern vor allem um auf die vielen anderen Opfer von Polizeigewalt, Justizwillkür, Staatsrassismus und anderen Formen der Repression hinzuweisen, denen es weitaus schlechter ergangen ist, als mir. In unserem vermeintlichen Rechtsstaat herrschen nämlich (oft im Verborgenen) Zustände, wie man sie eigentlich nur von autoritären Regimen gewohnt ist.

Mich hat dieser Vorfall ziemlich aus der Bahn geworfen und es fällt mir nicht leicht darüber zu schreiben. Durch meine so oder so schon vorhandene Neigung zu Depressionen, kam ich eine Zeit lang gar nicht mehr klar und bin nach wie vor etwas traumatisiert. Die Menschen, die mir das angetan haben und sowas sicherlich ohne mit der Wimper zu zucken mit vielen weiteren gemacht haben und wieder machen werden, dürfen nicht einfach ungeschoren davon kommen!

Ja, ich meine euch, ihr gewaltlüsternen Staatsdiener in Kampfmontur, die ihr mir euren Namen nicht nennen wolltet: PHK Hörnchen, PK Benz, PK Bouslimi, PKin Voges, POK Schacke und eure namenlosen „Kollegen“ von der Polizei Köln! Was ist bei euch eigentlich schief gelaufen, dass ihr es nötig habt friedliche Menschen wie mich so anzugehen und zu erniedrigen?

Von einer Horde zu Boden geworfen, an Händen und Füßen gefesselt, gewürgt bis man keine Luft mehr bekommt, geschlagen, beschimpft, behandelt wie ein Stück Dreck, gedemütigt und dann in eine Zelle geworfen und fixiert zu werden – das wünsche ich euch auch mal!

Und was erlaubt ihr euch eigentlich mir „zur Last“ zu legen, ich hätte „zur Verhinderung von Straftaten“ in Gewahrsam genommen werden müssen? Und ihr wollt mir also ernsthaft „zur Last“ legen, dass ich euch durch „Winden“ und „Gegenstemmen“ behindert hätte? Klar habe ich mich gegen eure Prügelattacke gewehrt! Zeigt mir mal jemanden, der das ohne Gegenwehr mit sich machen lässt. Da das wohl noch nicht für eine Anklage gereicht hat, habt ihr euch dann auch noch ausgedacht ich hätte versucht „POK Schacke mit zwei Kopfstößen zu treffen“. Ihr seid echt die Härte.. So ein Humbug. Ich habe noch nie in meinem Leben auch nur eine Kopfnuss verteilt. Ihr Lügner!

„Während der Tat“ stand ich übrigens „unter dem Einfluss von Cannabis“, wie die illegal eingeholte Blutprobe offenbar ergab. Wahrscheinlich hat mein fürsorglicher Vater Staat jetzt auch eine ebenso illegale DNA-Probe in seiner Datenbank, damit er mich zukünftig noch besser vor mir selbst schützen kann.

Highfive! Dann bin ich jetzt wohl auch offiziell als „schädliches Element“ identifiziert. Freue mich schon auf meine erste Hausdurchsuchung. Dann wäre ich wieder um eine Erfahrung reicher, auf die ich gerne verzichten würde.

Wie es jetzt weiter geht? Ich weiß es ehrlich gesagt noch nicht..
Strafanzeige, Dienstaufsichtsbeschwerde oder die Medien wären Optionen.
Vielleicht habt ihr ja Anregungen wie ich am besten weiter verfahren sollte.

Fortsetzung folgt.
Stay tuned..

Privatkontakt via Twitter oder Wikimail

Advertisements

Meine erste Schießerei…

Ich wurde am Freitag (23.10.2009) zufällig Zeuge einer Schießerei in Bonn (Bertha-von-Suttner-Platz). Hiermit möchte ich meine Erlebnisse wiedergeben. Vielleicht kann ich diese Erfahrung dadurch, dass ich sie mit anderen teile, ein wenig besser verarbeiten. Vielleicht interessiert es sogar jemanden…

Ich war gerade mit zwei Freunden auf dem Weg nach Hause, als wir es plötzlich (in ca. 100m Entfernung) 5-7 mal knallen hörten. Wir sahen über der Straßenbahnstation, zwischen den Diskotheken „Schwarzlicht“ und „Tiefenrausch“, Rauch aufsteigen. Der Platz war sehr belebt, denn um diese Uhrzeit zieht es viele Menschen in die Diskos. Einer meiner Freunde meinte zunächst noch, das sich Schüsse normalerweise nicht so dumpf anhörten, der andere meinte, dass seien bestimmt Böller gewesen. Doch vor dem Tiefenrausch entwickelte sich ein Tumult und man konnte Schreie vernehmen.

Spätestens ab dem Moment war klar, dass es wirklich Schüsse gewesen sein mussten, die wir da gehört hatten. Wir gingen langsam etwas näher an die Szenerie heran und ich konnte erkennen, wie ein bulliger, glatzköpfiger Mann wild auf jemanden eintrat, der offensichtlich auf dem Boden lag. Die Schreie wurden indes noch lauter.

Langsam wurde uns allen bewusst in was für einer ernsten Situation wir uns befanden. Also habe ich natürlich sofort mein Handy rausgeholt und, wie immer in solchen Fällen, 110 gewählt. Zunächst ging niemand dran (unglaublich!), also habe ich es nochmal versucht und bin durchgekommen.
Ich versuchte die Fassung zu wahren, damit ich dem Beamten am anderen Ende der Leitung, möglichst sachdienlich berichten konnte. Nachdem ich ihm beschrieben hatte was los war (mehrere Schüsse, Schlägerei, viele Beteiligte, möglicherweise Schwerverletzte oder schlimmeres..), hatte er noch ein paar kurze Rückfragen an mich und ich forderte nochmal, dass unbedingt schnell mehrere Krankenwagen, ein Notarzt und genügend Polizisten kommen müssten.

Wir tasteten uns vorsichtig noch ein paar Meter weiter ran, da kam uns ein (wie man den Presseberichten inzwischen entnehmen kann 32 oder 37-jähriger) Mann entgegen.
Er trug eine gelbe Jacke und sah ganz normal aus, außer, dass er offensichtlich nicht mehr ganz nüchtern war. Er meinte zu uns, wir sollten auf keinen Fall da hingehen, die Leute müssten alle verrückt geworden sein. Er war anscheinend zufällig in der Nähe gewesen, als die Schüsse fielen.

Seine gelbe Jacke hatte am rechten Ärmel, auf Höhe des Oberarms einen kleinen Riss. Ich fragte ihn, ob er was abbekommen habe. Er meinte verneinte. Ich deutete auf den Riss am Ärmel und wollte wissen, ob der schon länger dort sei. Erschrocken stellten wir fest, dass er wohl von einer Kugel gestriffen worden sein musste und waren alle erleichtert, dass er nicht mehr abbekommen hatte.
Doch damit lagen wir falsch – wie in einem schlechten Film! Genauso fühlte ich mich auch…
Ein paar Sekunden später tropfte eine Menge Blut seine Hand entlang. Wir zogen ihm in Windeseile die Jacke aus und der Angeschossene geriet langsam aber sicher in Panik, was den Blutfluss wohl noch verstärkte, wie es schien. Ich wählte nochmal die Notrufnummer, aber diesmal 112, um die Schussverletzung direkt beim Rettungsdienst melden zu können, damit dem Mann so schnell wie möglich geholfen wird.

Zwei junge Damen und einige weitere Passanten kamen hinzu. Wir setzten den Mann auf den Boden, so dass er sich mit dem Rücken an eine Säule lehnen konnte. Jemand riss einer der Frauen ihren Schal vom Hals und band damit den verletzten Arm ab. Wir zogen den Knoten so fest wie möglich, um den Blutfluss zu drosseln, denn in der Zwischenzeit hatte sich neben dem Mann schon eine Blutlache auf dem Boden gebildet. Der Verletzte wurde immer hysterischer und verlangte einen Notarzt. Ich konnte ihn ein wenig beruhigen und sagte ihm dass bald Hilfe kommt.

Endlose Sekunden vergingen… Doch man muss sagen, dass es ziemlich schnell ging bis die Polizei kam. Bereits ungefähr 3 Minuten nach meinem Notruf war die Polizei schon zur Stelle.
Die ersten Wagen fuhren uns vorbei, direkt zum Hauptschauplatz. Ich stand halb auf der Straße und gestikulierte zu den folgenden Wagen, damit einer stehen bleibt, um dem Mann Erste-Hilfe zu leisten. Irgendwann hielt endlich einer. Ich zeigte den Beamten den etwas abseits sitzenden Mann und beschrieb die Situation.
Man merkte, dass auch die Polizisten etwas überfordert waren und ihre Rückfragen zeigten, dass auch sie erstmal begreifen mussten, was geschehen war. Schießerei? Bonn? Passt irgendwie nicht… Da ist man auch als Polizist erstmal perplex, ich finde hier kann man dem Freund & helfer keinen Vorwurf machen, sind auch nur Menschen.

Doch dann kam der Brüller:
Einer der beiden Polizisten, ein etwas untersetzter Mann mit freundlichem Gesicht, ging zurück zum Auto, um den Verbandskasten zu holen. Ich sah ihn wild im Kofferraum kramen und hörte ihn bald darauf laut fluchen. Er kam wieder zurück zu uns und meinte als Antwort auf meine fragenden Blicke:
„So eine Scheiße! Das kann doch gar nicht wahr sein!!! Tagtäglich nehmen wir den Leuten ihr hart verdientes Geld ab, damit sie das Zeug immer im Auto dabei haben und jetzt hat noch nicht mal die Polizei Verbandszeug mit!“.
Ich entgegnete, dass wir ja immerhin noch Glück hätten, dass es „nur“ eine mittelschwere Verletzung ist und er sagte zu mir, so leise dass nur ich es hören konnte:
„Nee du, das geht wirklich mal gar nicht. Ist echt ein Skandal!“
[Anm.d.Red.: Alleine, um diese kleine Geschichte in der Geschichte kundzutun, lohnt sich dieser Blogeintrag!]

Ein paar Minuten später kamen die ersten Krankenwagen, bald darauf auch der Notarzt und jede Minute kam mehr Polizei. Da die beiden Beamten noch mit dem abseits sitzenden, angeschossenen Mann beschäftigt waren, ging ich zur Fahrbahn, um einen der Rettungswagen zu uns zu losten. Mir war bewusst, dass beim Tiefenrausch wohl noch weitere und vielleicht sogar noch schwerer Verletzte sein müssten, weshalb ich den ersten paar Wagen gestikulierend mitteilte, dass sie weiter nach vorne, näher an den Ort des Schusswechsels fahren sollten und erst den dritten oder vierten Krankenwagen anhielt.

Die Sanitäter versorgten den Angeschossenen, indem sie die Blutzufuhr des verletzten Arms mit Hilfe eines prall aufgepumpten Blutdruckmessgeräts weitgehend stoppten, genau wie wir das zuvor mit dem Schal versucht hatten. Sie versichertem dem Mann, dass er nur leicht verletzt sei, erklärten ihm, dass sie noch weitere Verletzte zu versorgen hätten und dass sich gleich weitere Kollegen um ihn kümmern würden, die schon auf dem Weg zu ihm seien. Dann eilten sie zum Ort des eigentlichen Geschehens und die beiden Polizisten kümmerten sich weiter um den Mann, der inzwischen ein wenig erleichtert schien. Er bedankte sich bei uns für die schnelle Hilfe und dafür, dass wir den Rettungsdienst gerufen hatten.

Meine beiden Freunde und ich standen ratlos da und wir waren alle ziemlich geschockt, über das, was wir soeben erlebt hatten und noch erlebten. Da wir uns inzwischen ziemlich unnütz fühlten, der Mann versorgt war und sich um ihn eine Traube aus ungefähr einem Dutzend Anteil nehmender Menschen gebildet hatte, gingen wir auf die etwas höher gelegene Ebene der Bahnstation, von der man einen besseren Überblick hat. Wir setzten uns auf eine Bank und mussten uns nochmal bewusst machen, was hier gerade geschehen war. Irgendwann kam der nette, untersetze Polizist nochmal und dankte uns für unseren Einsatz. Ich fand das selbstverständlich und nicht der Rede wert.

Der Notarzt, etwa vier oder fünf Krankenwagen und mindestens neun Polizeiautos erleuchteten den Bertha-von-Suttner-Platz mit ihrem Blaulicht-Gewitter und verstopften die doppelspurige Fahrbahn, auf einer Länge von etwa 50 Metern. Das war schon sehr skurril anzusehen:
Der Platz, den man täglich überschreitet, vollkommen im Ausnahmezustand! Und das in einer Stadt, die man sonst eigentlich eher als friedlich und verschlafen wahrnimmt, von der man sich vorher nicht vorstellen konnte, dass sie solche Gewaltorgien hervorbringen kann.
Doch desillusioniert wurde ich schon vor drei Monaten, als ich mir, genau vor der gleichen Diskothek, eine Messerstecherei mit ansehen durfte.

Schon damals hatte ich überlegt, ob ich dieses eher traumatisierende Erlebnis nicht einfach mal niederschreiben sollte, um es dadurch ein wenig zu verarbeiten und meine Erfahrungen mit dem geneigten Leser teilen zu können, habe es dann aber doch gelassen.
Es ist nicht so, dass ich jetzt Nachts schweißgebadet mit Alpträumen aufwachen würde, oder sonstige Anomalien an mir feststellen würde, aber schreiben ist einfach etwas befreiendes, was ich jedem nur empfehlen kann.
Diesmal konnte ich mich nicht länger zurückhalten. Ich hoffe meine Beschreibung des Ablaufs war verständlich und nicht zu detailliert.

Meine Freunde und ich können nur vom Glück reden, dass wir nicht eine Minute früher da waren, denn sonst hätten wir da mitten drin stecken können. Wir waren gerade auf dem Weg nach hause, kurz davor uns voneinander zu verabschieden. Möglicherweise hätte es uns noch auf einen Snack zum „Orient-Express“ verschlagen und wir hätten das Ganze hautnah miterleben dürfen.
Mir hat das so schon gereicht. Das war meine erste Schießerei und ich hoffe es war die letzte derartige Erfahrung.
Eigentlich hatte ich schon nach der Messerstecherei genug gesehen… Ich bin bedient.

Oh Gott, ich bin so froh, dass ich nicht gläubig bin! 😉
Ansonsten müsste ich jetzt für immer demütig sein…

Meine Twitter-Updates in der besagten Nacht:

Wurde eben Augenzeuge einer Schießerei in Bonn (Berta-v-Suttner-Pl). War zum Glück ~100m entfernt.

Uns kam ein Unbeteiligter entgegen, der meinte wir sollten da nicht hin gehen. Erst später bemerkte er, dass er am Arm angeschossen war…

Dachte bis vor kurzem eigentlich noch, Bonn wäre kein allzu gefährliches Pflaster. Da habe ich mich wohl getäuscht. 😐

Echt Glück gehabt. Wir haben 6-7 Schüsse gehört und konnten uns erst nicht vorstellen, dass es echte gewesen sein konnten.

Vor 2Monaten durfte ich mir im Vorbeigehen, vor genau dem gleichen Club ne Messerstecherei ansehen. Keine Ahnung was da los ist.

Denke […] es liegt […] an kompletter Verdummung! (Ghetto-Boys & Wannabe-Gangsta)

Würde gerne mal wissen in was für ner Parallelwelt die leben.. Obwohl. Lieber doch nicht.

Videos:
„Schießerei vor Bonner Disco“ (WDR Lokalzeit Bonn)

Ein paar Bilder:

Radio:
Heute morgen wurde ich von Radio Bonn/Rhein-Sieg interviewt.
(Mein Radio-Debüt!)

Gekürzte Story + Verbandskasten-Anekdote…

Man merkt ganz eindeutig, dass ich noch etwas verschlafen war. Ich benutze viel zu viele Füllworter, wie „Öh..“, „Äh..“, „Ehm..“, „Fff..“, „Pf..“, „Halt“ und so.. – Naja, egal. Der Rheinländer sagt da „Hätte schlimmer kumme künne!“… 😉

Weitere Berichte:
Die verängstigte Souriette, sucht Beistand im Forum von Glamour.de
Verletzte nach Schussabgaben in der Bonner-Innenstadt (Polizeipresse, Erstmeldung)
„Nächtliche Schießerei vor einer Bonner Disco“ (GA-Bonn, Nach Erstmeldung)
Drei Verletzte nach Schussabgaben in der Bonner Innenstadt – Bonner Polizei richtete Mordkommission ein – 32-Jähriger wurde festgenommen
„Schießerei vor einer Bonner Disco“ (WDR, Studio Bonn)
„Schießerei in Bonn: Haftbefehl erlassen“ (Radio Bonn/Rhein-Sieg)
„Schießerei am Bertha-von-Suttner-Platz“ (Hintergrundinfos, GA-Bonn)
– Meine erste Messerstecherei: Polizeimeldung, GA

Piratenkodex:
Piraten zeigen Zivilcourage! (…und das sollte jeder tun!)